Erfahrungsbericht „Tierischer“ Computer-Unterricht im Bergdorf
Nuwakot | Nepal

Von Ralf

Das Alter der Frau, die mich freundlich anlächelt, schätze ich auf gut über 60 Jahre ein. Sie faltet die Hände, verneigt sich leicht mit dem Kopf, und begrüßt mich herzlich mich mit dem in Nepal üblichen „Namaste“. Wie ich später erfahre, ist diese Frau, braun gebrannt und mit tiefen Falten in ihrem immer lächelnden Gesicht, erst Mitte 40 Jahre alt, und damit nur wenig älter als ich selbst. Es ist kaum zu glauben, wie stark sich die harten Lebensbedingungen äußerlich bemerkbar machen. Keinen Abbruch tut dies der Gastfreundschaft und Herzlichkeit, wie ich diese im zweitärmsten Land Asiens schon häufig erfahren durfte.

Das Projekt

Ich befinde mich vom 21. Juli bis 12. August in einem Ort namens Gaujini im Bezirk Nuwakot, ca. 40 Kilometer nordöstlich von Kathmandu, am Nordrand des Shivapuri Nagarjun National Park. Man begegnet kaum anderen Menschen, die rund 3.000 Einwohner wohnen über eine riesige Fläche, getrennt durch ein enges Tal, sehr weit verteilt. In meinem Gepäck befinden sich die ersten 5 von insgesamt 12 gebrauchten Notebooks, welche mein Arbeitgeber, die Paul HARTMANN AG aus Heidenheim, für zwei Schulen in Nepal zur Verfügung gestellt hat, die ich während meines Sabbaticals besuchen werde. Viel Gepäck, das nur mit Hilfe einheimischer den vierstündigen Fußmarsch in strömendem Regen, watend durch Bäche und vorbei an zahlreichen Wasserfällen, den Weg ins Dorf fand. Die dafür notwendige Unterstützung wurde durch Karmalaya geleistet, die bereits den Transport der Geräte unter Einbeziehung anderer Volontärs, sowie die notwendige Organisation vor Ort vorbereitet und koordiniert hatten. Trotz Einbruch der Nacht machte ich mich nach unserer Ankunft, ausgerüstet mit meiner Stirnlampe, auf den kurzen Weg zum Bach, um dort das fließende Wasser für eine nach dem Fußmarsch wohltuende Dusche zu nutzen. Die Lautstärke der Dschungelartigen Geräuschkulisse war beeindruckend, sollte später jedoch durch den prasselnden Regen auf das Wellblechdach des Tunnelhauses übertönt werden.

Aufgaben & Alltag

Nach einer mehr oder weniger erholsamen Nacht fanden sich die ersten Schüler erwartungsvoll zum ersten Computerkurs ein. Vorkenntnisse gab es keine, obwohl nach Auskunft der Lehrer Computerunterricht an den Schulen stattfindet. Dies jedoch nur in Form theoretischer Inhalte, denn Computer gibt es keine, oder falls vorhanden, funktionieren diese nicht. So mussten die mitgebrachten Laptops auf die Menschen wie Wundermaschinen wirken. Aufgrund der Ferienzeit war das Trainieren mehrerer Gruppen über den gesamten Tag hinweg möglich, nebenbei wurden die Trainingsinhalte entwickelt und zur Anleitung künftiger Lehrkräfte und Volontäre dokumentiert. Unser Guide „Juwa“ von Karmalaya übernahm die Rolle des Dolmetschers, denn für englischsprachigen Unterricht reichten die Sprachkenntnisse der Schüler nicht aus. Die anfänglichen Berührungsängste wurden durch Neugierde sowie durch Freude am Üben abgelöst. Die zwischen 8 und 16 Jahre alten Kinder und Jugendlichen erhielten neben Hinweisen zu hygienischen Aspekten bei gemeinsamer Nutzung der Notebooks zuerst eine Einführung zur Hardware und Software. In den folgenden drei Wochen wurden Kenntnisse zu Microsoft Windows und Office vermittelt, und durch praktische Übungen gefestigt. Viel Spaß und Freude hatten die Kids bei der Erstellung eines eigenen Lebenslaufs mit dem Titel „This is about me“. Spielerisch wurde darin das eigene Foto platziert und formatiert, sowie Grafiken in Anlehnung an beispielsweise Hobbies und Lieblingsfarben verwendet. Der „Renner“ war die Verwendung der bunten Rahmen aus Bäumen, Schmetterlingen, Herzen oder Sternen. Die Dokumente würde ich nach meiner Rückkehr nach Kathmandu drucken, laminieren, und über Karmalaya den Teilnehmern zukommen lassen, obwohl dies zur Motivation der Klassen gar nicht mehr nötig war. Nach jeder Computerstunde wurde die Verwendung der Tastatur geschult und mit Hilfe von Übungssoftware trainiert. Besonderen Ehrgeiz entwickelten klein und groß beim „Balloon Game“ – durch die schnelle und korrekte Eingabe vorgegebener Wörter konnten Luftballons zum Platzen gebracht werden. In gleicher Art und Weise wurden bis zu fünf Gruppen mit jeweils ca. 90 Minuten Unterricht pro Tag an fünf bis sechs Tagen pro Woche betreut. Zu dieser Betreuung gehörte auch das Improvisieren bei regelmäßigem Stromausfall. Für Unterhaltung sorgten dann Spiele und Zaubertricks.

Highlights im Bergdorf

Eine weitere „tierische“ Herausforderung stellten die Ziegen dar, die Geschmack an den Stromkabeln gefunden hatten. Hartnäckig kamen diese immer wieder und wollten weiter am Plastik knabbern. Ihr vertreiben quittierten sie durch lautstarkes Gemecker. Auch Hunde machten es uns oft nicht leicht. Merkwürdigerweise fanden diese alle Plätze am gemütlichsten wo sie uns bestmöglich im Weg lagen. Mittelfristig wird sich dieses Problem durch die Fertigstellung des Gebäudes lösen, welches in dem Zuge Türen und Fenster bekommen soll.

Das beschriebene Projekt wurde in der ersten Woche zusätzlich durch Andrea aus Österreich unterstützt. In Woche zwei und drei stand Korbinian aus dem Frankfurter Raum tatkräftig zur Seite. Mehr als reich entlohnt wurden wir durch die Freude und Neugierde der Kids, was diese vielfältig zum Ausdruck brachten. Beispielsweise musste nach den Ferien eine der Gruppen bereits um 7.00 Uhr unterrichtet werden, damit diese ihren Schulunterricht um 10.00 Uhr erreichen konnte. In Anbetracht des ca. einstündigen Fußmarsches von deren Wohnhäusern zu unserem Unterrichtsgebäude waren wir unglaublich beeindruckt und überrascht, als die Kinder bereits um 6.15 Uhr viel zu früh eintrafen, und schon mal mit dem Üben beginnen wollten.

Leider konnten in den drei Wochen vor Ort nicht alle gesteckten Ziele erreicht werden. Allem voran konnte in der nahegelegenen Schule keine der 10 Lehrkräfte dazu motiviert und ausgebildet werden, den Computerunterricht künftig zu übernehmen. In Anbetracht der 230 Schüler sei man bereits am Ende der Kapazitäten und könne dies nicht leisten. Die „Shree Ramayan Chhap Secondary School“ unterrichtet in den Klassen 5 bis 10 Schüler im Alter zwischen 10 und 16. Computerklassen sind in den Stufen 6-8 vorgesehen. Gemeinsam mit der Schule sucht Karmalaya aktuell nach einer Lösung. Meine Zeit in Nepal endet erst im Dezember 2016, so dass das wichtigste Ziel, die Ausbildung einer lokalen Lehrkraft, weiterhin realistisch erreichbar bleibt. Erst danach wird regelmäßiger und nachhaltiger Computerunterricht möglich sein. Ein weiteres Ziel ist die Integration von e-Learning ergänzend zu allgemeinen Schulfächern wie Englisch, Naturwissenschaften oder Mathematik. Diese von „E-Learning for Kids“ (www.e- learningforkids.org) bereitgestellten Inhalte wurden bereits nach dem Computerunterricht intuitiv von den Kindern erforscht und spielerisch ausprobiert.

Das nächste gleichartige Projekt führt mich im November nach Swaragaun, welches im Bezirk Gorkha liegt. Da die Anreise nach Swaragaun aufgrund potentieller Erdrutsche gegen Ende des Jahres sicherer ist, werde ich die Zeit bis dahin unter anderem damit verbringen, Mönche in Englisch und Computerwissen zu unterrichten. Sollte es die Zeit und Muße zulassen, dann werde ich auch diese Erfahrungen und Eindrücke teilen. Besser jedoch sind eigene Erfahrungen. Nepal ist nach den Erdbeben letzten Jahres mehr denn je auf Hilfe angewiesen. Der Tourismus, eine wichtige Einnahmequelle im Land, ist seit dem Erdbeben stark zurückgegangen.

Learnings

Nach meinem persönlichen Empfinden ist Nepal ein sicheres Land. Gefahren, die in anderen Entwicklungsländern lauern (z.B. Kriminalität), habe ich in Nepal bisher nicht wahrgenommen. Die Nepalesen sind sehr offen, hilfsbereit und freundlich. Das Land strotzt nur so von Vielfalt. Land und Leute, Flora und Fauna sowie Spiritualität und Kultur wollen entdeckt werden. Warum also nicht den nächsten Kultur-, Wander-, Aktiv- oder Abenteuer-Urlaub hier verbringen? Auf geht’s – nach Nepal!

Impressionen

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